Öffentliche Beschaffung neu denken: Wie öffentliche Gelder Gemeinwohl stärken können
Öffentliche Beschaffung ist einer der mächtigsten, bislang jedoch am wenigsten genutzten Hebel für eine nachhaltige wirtschaftliche Transformation. Jährlich geben öffentliche Stellen in der EU rund 2,6 Billionen Euro aus, das sind etwa 15 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts. Wie diese Mittel eingesetzt werden, prägt Märkte, Lieferketten, Innovationspfade und Geschäftsmodelle maßgeblich.
In einem neuen Positionspapier zeigt die Internationale Föderation der Gemeinwohl-Ökonomie (ECOnGOOD) auf, wie öffentliche Beschaffung gezielt dazu beitragen kann, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, regionale Wertschöpfung und wirtschaftliche Resilienz zu stärken.
Warum Beschaffung ein strategisches Instrument ist
Angesichts der Klimakrise, geopolitischen Spannungen, Ressourcenknappheit und wachsender sozialer Ungleichheit reicht ein Beschaffungsverständnis, das sich primär am niedrigsten Preis orientiert, nicht mehr aus. Öffentliche Beschaffung ist nicht neutral: Sie kann bestehende, fragile Strukturen verfestigen oder gezielt eine zukunftsfähige Wirtschaft fördern. Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung plädiert deshalb dafür, öffentliche Vergaben als strategisches Steuerungsinstrument zu begreifen, das konsequent an europäischen Nachhaltigkeits-, Resilienz- und Sicherheitszielen ausgerichtet ist.
Sieben Empfehlungen für eine gemeinwohl-orientierte Vergabepraxis
Im Positionspapier formuliert ECOnGOOD sieben zentrale Empfehlungen:
- Soziale und ökologische Kriterien müssen verbindlich werden. Dazu zählen Mindestanforderungen zu Klimawirkung, Ressourcennutzung, Biodiversität, Menschenrechten und sozialen Standards, und das entlang der gesamten Lieferkette, nicht nur beim direkten Auftragnehmer.
- Resilienz und regionale Wertschöpfung sollten gezielt gefördert werden. Kürzere, transparente Lieferketten erhöhen Versorgungssicherheit, reduzieren Emissionen und stärken regionale Wirtschaftskreisläufe.
- Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) brauchen fairen Zugang. Heute sind sie häufig durch hohe bürokratische Hürden benachteiligt. Die Aufteilung großer Aufträge, vereinfachte Verfahren und bessere Transparenz können hier Abhilfe schaffen.
- Beschaffung sollte Teil strategischer Verwaltungssteuerung sein. Sie kann Innovationen, Kreislaufwirtschaft und soziale Inklusion aktiv voranbringen, statt lediglich Kosten zu kontrollieren.
- Transparenz und Wirkungsmessung sind entscheidend. Einheitliche Nachhaltigkeits-KPIs, Monitoring und öffentliche Berichterstattung schaffen Vertrauen und Lernprozesse.
- Unterstützende Infrastrukturen sind nötig. Digitale Plattformen, regionale Marktdialoge und Kompetenzzentren helfen Vergabestellen, nachhaltige Kriterien wirksam umzusetzen.
- Kohärenz mit EU-Regulierung ist unerlässlich. Öffentliche Beschaffung sollte mit CSRD, CSDDD sowie Klima- und Kreislaufwirtschaftspolitiken verzahnt sein und Unternehmen mit glaubwürdiger Wirkung bevorzugen.
Öffentliche Mittel im Dienst des Gemeinwohls
Die zentrale Botschaft des Papiers ist: Öffentliche Beschaffung kann ein Motor für eine faire, resiliente und zukunftsfähige europäische Wirtschaft sein – wenn sie konsequent am Gemeinwohl ausgerichtet wird. So lassen sich Transformation beschleunigen, regionale Wirtschaft stärken und strategische Abhängigkeiten reduzieren.
Zum Positionspapier (EN) „Public Procurement as a Lever for a Resilient, Sustainable and Secure European Economy“