Neun Menschen, zwei Welten, viele Fragen: Unsere GWÖ‑Exkursion nach Essen
Himmelfahrt und Aufbruch
Himmelfahrt 2026, 14. Mai – und wir treffen uns zu neunt in Essen an der Tramsation „Halbe Höhe”: sechs aus der Regionalgruppe Osnabrücker Land, zwei Familienangehörige und als willkommener Gast ein Mitglied der Regionalgruppe Bielefeld. Die Stimmung ist leicht, neugierig, erwartungsvoll. Essen wartet – mit zwei Orten, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen und genau deshalb so gut zu unserem GWÖ‑Blick auf Wirtschaft und Verantwortung.
Wir haben am Vormittag zwar die Margarethenhöhe besucht und sind am Nachmittag zur Villa Hügel gefahren – aber in diesem Bericht beginnen wir bewusst mit der Villa. Sie ist der starke Kontrast, der die Gedanken sortiert, bevor wir den Bogen zur Gartenstadt schlagen.
Villa Hügel: Beeindruckend – und doch interessierte uns vor allem der Mensch dahinter
Schon von außen wirkt die Villa Hügel wie ein Statement. Drinnen dann die großen Räume, die Weite, die strenge Ordnung – ein Haus, das nicht nur Wohnort sein wollte, sondern auch Bühne. Und trotzdem: Die spannendste Entdeckung war für uns, dass Zeitgenossen den frühen Zustand als „einfach und schlicht ausgestattet“ beschrieben – während gleichzeitig eine hochmoderne, für die Zeit geradezu revolutionäre Haustechnik dahintersteckte. Außen zurückhaltend, innen bis ins Detail geplant.
Und damit sind wir bei Alfred Krupp (1812 – 1887). In der Führung wurde schnell deutlich, warum sein Name bis heute so viel auslöst: Krupp formte aus einem zunächst kleinen Betrieb einen industriellen Großakteur. Ein Schlüssel war die Produktion von nahtlosen Rädern für die Eisenbahn – Technik, die mobil machte, Märkte verband, Wachstum beschleunigte. Gleichzeitig gehört zur Geschichte eben auch: Es blieb nicht nur bei ziviler Produktion; auch Rüstung spielte bei Krupp immer eine Rolle.
Was uns aber besonders beschäftigte, war sein Arbeits‑ und Sozialverständnis. Alfred Krupp vertrat einen hohen Anspruch – und formulierte ihn in einem Satz, der für uns als GWÖ‑Menschen sofort „klingelt“:
„Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.“
Dazu passte, was wir über sein Verhältnis zu den Mitarbeitenden hörten: überdurchschnittliche Bezahlung, preiswerter Wohnraum, vergünstigte Lebensmittel, Versorgung bei Krankheit, Absicherung im Alter – aber immer verbunden mit Erwartungen. Wer politisch unangenehm wurde, wer streikte oder „zu eigenständig“ dachte, riskierte den Job und damit auch die Vorteile. So bleibt diese Villa für uns nicht nur Sehenswürdigkeit, sondern Denkraum: Wie sieht Verantwortung aus, wenn sie zugleich Fürsorge und Kontrolle sein kann?
Später wurde die Villa stark durch die Enkel-Generation geprägt – Bertha Krupp und ihren Mann Gustav Krupp von Bohlen und Halbach.
Von der Villa zur Höhe: Margarethe Krupp und ein Quartier als soziale Idee
Nach der Villa Hügel versteht man die Margarethenhöhe anders. Plötzlich ist sie nicht einfach „ein schönes Viertel“, sondern eine Antwort auf die Frage: Wie kann Wohnen menschenwürdig, gesund, bezahlbar – und zugleich gut gestaltet sein?
Die treibende Kraft war Alfred’s Schwiegertochter Margarethe Krupp (1854 – 1931). Sie gründete 1906 die Stiftung und stattete sie – so nennen es Quellen – mit rund 50 Hektar Gelände und einer Million Mark aus. Unser Vormittag auf der Höhe war damit auch ein Spaziergang durch eine ziemlich konkrete Idee von Gemeinwohl: nicht nur Almosen, sondern Struktur. Nicht nur „billig“, sondern lebenswert.
Georg Metzendorf: Architektur, die den Alltag mitdenkt
Dass die Margarethenhöhe bis heute so stimmig wirkt, hat viel mit einem Namen zu tun: Georg Metzendorf (1874 – 1934). Er trat 1909 seinen Dienst an und prägte die Siedlung maßgeblich. Die Entwicklung der „alten“ Margarethenhöhe verlief in vielen Bauabschnitten – die ersten Häuser waren 1910 fertig, und insgesamt zog sich der Ausbau bis 1938.
In der Führung wurde diese Planungsidee richtig greifbar: Wege, Plätze, Blickachsen, kleine Übergänge – und ein Grundgefühl, dass hier Alltag mitgedacht wurde. Besonders schön: Wir konnten eine historische Wohnung sehen – und hörten, dass Metzendorf sogar Möbelentwürfe schuf, die in die Räume passten und für die Bewohner erschwinglich sein sollten. Wohnen als Gesamtkonzept – nicht als Restposten.
Wetter? Hatten wir dabei. Stimmung? Auch.
Der Tag begann mit Regen. Während der Führung blieb es dann weitgehend trocken, zwischendurch sogar freundlich. Auf dem Weg zur Mittagspause gab es kurz Hagel – aber ehrlich: Wenn man sich auf Regenswetter und Eisheilige einstellt, bringt einen das nicht aus dem Tritt. Eher im Gegenteil: Es gehörte irgendwie dazu und machte uns als Gruppe nur noch geschlossener.
Was bleibt
Am Ende war es genau die Kombination, die den Tag so stark gemacht hat: Villa Hügel als Symbol für Macht, Größe, Ambivalenz – und Margarethenhöhe als Versuch, Verantwortung in Stadt und Alltag zu übersetzen. Zwischen beiden Orten liegt kein Widerspruch, sondern eine Frage, die wir mit nach Hause genommen haben:
Wie wird aus wirtschaftlicher Stärke echte Verantwortung – und wo kippt sie in Kontrolle, Selbstinszenierung oder Abhängigkeit?
Für uns war diese Exkursion mehr als ein Ausflug. Es war ein Tag voller Eindrücke, guter Gespräche – und einer Menge Stoff, den man noch lange weiterdenken kann.
Text: Christoph Pahlitzsch (mit KI-Unterstützung)
Fotos: Silke Kretzing




































