Christian Warsch im Interview

Pilotprojekt „Fairer WohnStrom“

Betriebsergebnis nach einem Jahr

Frage: Du hast als Eigentümer eines Mietshauses mit 32 Wohnungen in Hamburg-Ohlsdorf Dein Pilotprojekt „Fairer WohnStrom“ Ende 2024 in Betrieb genommen. Bevor wir auf die Ergebnisse des ersten Betriebsjahres schauen: Was hat Dich zu dieser Investition motiviert?

Christian Warsch: Für mich steckt dahinter auch ein Stück Verantwortung als Vermieter. Früher gehörte es zur guten Praxis, Wohnungen mit einer soliden Grundausstattung zu versehen – heute gehört für mich dazu, zeitgemäße Energietechnik bereitzustellen. Mir war wichtig, dass meine Mieterinnen und Mieter nicht nur abstrakt von der Energiewende hören, sondern deren Nutzen konkret auf ihrer Stromrechnung sehen können. Solarstrom soll in einem Mehrfamilienhaus nicht nur dem Dach gehören, sondern auch den Menschen, die darunter wohnen.


Copyright: Laudeley Betriebstechnik

Frage: Was hat die PV-Anlage den Mieterinnen und Mietern im Jahr 2025 konkret gebracht?

Christian Warsch: Die 32 Mietparteien haben im ersten vollständigen Betriebsjahr zusammen 37.500 kWh Solarstrom geerntet. Davon wurden 24.600 kWh direkt in den Wohnungen genutzt, also 66 Prozent. 12.900 kWh wurden ins öffentliche Netz eingespeist; dafür erhalten die Mieterinnen und Mieter die gesetzliche Einspeisevergütung. Aus dem Netz mussten die Wohnungen nur noch 26.400 kWh beziehen. Bezogen auf den gesamten Wohnungsstromverbrauch von 51.000 kWh ergibt sich damit ein durchschnittlicher Autarkiegrad von 48 Prozent. Besonders erfreulich ist für mich, dass der Stromverbrauch der Wohnungen gegenüber 2023 um 7.300 kWh beziehungsweise rund 12,5 Prozent zurückging.


Speicherbatterien im Keller – Copyright: Laudeley Betriebstechnik

Frage: Du hast die Mieterinnen und Mieter gerade als eine Art Selbstversorger beschrieben. Sie mussten die Investition aber nicht selbst finanzieren, sondern Du hast sie vorfinanziert. Wie rechnet sich das für Dich?

Christian Warsch: Das Modell basiert auf einem einfachen und fairen Prinzip: Die wirtschaftlichen Vorteile werden geteilt. Im Nutzungsvertrag ist festgelegt, dass die Mieterinnen und Mieter für den tatsächlich in der Wohnung genutzten Solarstrom eine Nutzungsgebühr zahlen. Diese liegt bei 20,83 Cent pro kWh Brutto, also deutlich unter dem Preis ihres Netzstroms. Zusätzlich verbleibt die Einspeisevergütung des Netzbetreibers für den von ihrer Wohnungsanlage ins Netz abgegebenen Strom bei ihnen. So wird meine Investition refinanziert, ohne dass die Mieterinnen und Mieter ihre Ersparnis verlieren. Die Kalkulation ist darauf ausgelegt, dass sich das Modell in etwa 13 bis 15 Jahren amortisiert.


Keller mit Stromzählern – Copyright: Laudeley Betriebstechnik

Frage: Viele Mieterinnen und Mieter zahlen in klassischen Mieterstrommodellen fast den gleichen Preis wie in einem normalen Ökostromtarif. Deine Lösung wirkt deutlich attraktiver. War es schwierig, die Hausgemeinschaft für die Teilnahme zu gewinnen?

Christian Warsch: Nein, überhaupt nicht. Die Resonanz war erfreulich positiv. Das liegt sicher auch daran, dass der Vorteil unmittelbar nachvollziehbar ist. Die Haushalte profitieren nicht nur beim Wohnungsstrom, sondern zusätzlich beim Allgemeinstrom: Die Kosten dafür entfallen im Pilotprojekt. Auch die Gemeinschaftswaschmaschine kann kostenlos genutzt werden, weil der frühere Münzzähler deaktiviert wurde. Das macht den Nutzen im Alltag konkret spürbar.

Frage: Das klingt fast großzügig. Ist das vor allem Idealismus – oder steckt auch eine klare wirtschaftliche Logik dahinter?

Christian Warsch: Natürlich geht es mir um eine faire Lösung, aber das Modell ist keineswegs bloß idealistisch. Die Dachfläche wird konsequent genutzt: Auf dem Gebäude sind insgesamt 236 Module mit 103,84 kWp installiert. 2025 wurden daraus 74.200 kWh Solarstrom erzeugt. Weil die Erträge hoch sind und sich die Nutzung der Anlagen gut aufteilen lässt, konnte ich mich aus Gründen der Verwaltungsvereinfachung entscheiden, den Allgemeinstrom für Beleuchtung, Waschmaschine und ähnliche Posten nicht mehr in Rechnung zu stellen. Das spart jeder Mietpartei rechnerisch weitere 38,38 Euro pro Jahr.

Frage: Trotzdem wurde noch eine erhebliche Menge Strom ins öffentliche Netz eingespeist. Lohnt sich das – oder wäre es besser, diesen Strom stärker direkt vor Ort zu nutzen?

Christian Warsch: Die Einspeisung lohnt sich selbstverständlich, weil sie vergütet wird und damit Teil der Gesamtwirtschaftlichkeit ist. 2025 gingen aus der Überschuss- und der Volleinspeiseanlage zusammen 33.000 kWh ins Netz. Langfristig ist es aber natürlich sinnvoll, noch mehr lokal erzeugte Energie direkt im Gebäude oder im unmittelbaren Umfeld zu nutzen. Genau darin liegt für mich die nächste Entwicklungsstufe des Projekts.

Frage: Dann lass uns zum Schluss ein Fazit nach dem ersten Betriebsjahr ziehen.

Christian Warsch: Sehr gern. Das wichtigste Ergebnis ist: Das Modell funktioniert praktisch, wirtschaftlich und ökologisch. Die durchschnittliche Stromkostenersparnis pro Mietpartei lag 2025 bei 169,86 Euro. Gleichzeitig wurde die CO₂-Belastung gegenüber 2023 um 27,9 Tonnen reduziert. Für mich zeigt das sehr klar: Fairer WohnStrom ist ein Gewinn für die Mieterinnen und Mieter, für den Vermieter und für das Klima – also tatsächlich ein Win-win-win.

Links: Beispielrechnung zum Pilotprojekt | Projektpräsentation Fairer WohnStrom

Die Fragen stellte Mick Petersmann, GWÖ PG „Stadtwirtschaft stärken“.

Die PV-Installation im Überblick

Technischer Ansatz: Übertragung von Balkonkraftwerks-Technik auf ein Mehrfamilienhaus.

32 Wohnungs-PV-Anlagen mit jeweils 1.760 Wp sowie 32 Stromspeicher mit jeweils 4,3 kWh.

Ausspeiseleistung pro Wohnung: 1.600 W.

Zusätzlich eine Überschuss-Anlage mit 23,76 kWp für Allgemein- und Heizbetriebsstrom sowie eine Volleinspeiseanlage mit weiteren 23,76 kWp.

Digitale Zähler erfassen Verbrauch und Einspeisung; die Abrechnung erfolgt jährlich.

Mehr Details: Projektseite Fairer WohnStrom

Hinweis: Alle Zahlen beziehen sich auf die vorliegenden Projektunterlagen für das Betriebsjahr 2025.