Für mehr Klimagerechtigkeit von lokal bis global

Spitzenpolitikerin Ricarda Lang, Handwerk BW, Liga-BW und Klima-Allianz Deutschland im Austausch auf Einladung des Netzwerks Zukunftsfähiges Wirtschaften.

Stuttgart. Akteur*innen der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), der Klima-Allianz Deutschland, des Handwerks, der Liga-BW und der Politik sind auf der Messe Fair Handeln zusammengetroffen, um der Klimagerechtigkeit mehrschichtig und gemeinsam auf den Grund zu gehen. Die erste Frage, die Moderator Ulrich Fellmeth, Vorstand des GWÖ-Landesvereins, an das durchweg weibliche Panel richtete, lautete: „Was braucht es konkret, damit Klimagerechtigkeit in der Praxis funktioniert?“

Die Bundestagsabgeordnete Ricarda Lang hob Allianzen mit Menschen, die den Klimaschutz umsetzen, hervor. „Auf kommunaler Ebene müssen wir Experten vor Ort einbeziehen – nicht nur die klassischen Klimaschützer, sondern auch Handwerker und Verbraucherzentralen“, so die ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen. „Vertrauensschaffer“ nenne sie diejenigen, denen die Menschen im Alltag vertrauten. Der alte Spruch “global denken – lokal handeln“ habe aktuell mehr Daseinsberechtigung als jemals zuvor.

Und wie kann der Landes-Spitzenverband des Handwerks, der 145 000 Betriebe mit 770 000 Beschäftigten vertritt, möglichst viele in eine zukunftsfähige Wirtschaft mitnehmen? Catharina Thiery, Leiterin Technologie und Transformation bei Handwerk BW, hob die zentrale Rolle von Vorreiterbetrieben hervor. Viele Handwerksbetriebe seien bereits heute sehr weit und entwickelten konkrete Lösungen für die Energiewende. „An ihnen orientieren sich viele andere Betriebe im Handwerk“, so Thiery. Gleichzeitig brauche es für die Breite der Betriebe verlässliche Rahmenbedingungen, die Investitionen und Umstellungen planbar machen. Gerade kleinere Betriebe könnten Transformation dann erfolgreich gestalten, wenn klare gesetzliche Leitplanken, stabile Nachfrage und wirtschaftlich tragfähige Modelle zusammenspielen. „Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann sich die Transformation Schritt für Schritt in der gesamten Breite des Handwerks entfalten“, so Thiery.

„Die Sozialwirtschaft ist keine Randnotiz“

Den sogenannten „Dritten Sektor“ vertrat Inci Wiedenhöfer aus der AG Nachhaltigkeit der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg e.V. (Liga-BW) – ein Zusammenschluss der elf Landes-Spitzenverbände. „Die Sozialwirtschaft ist in der Transformation nicht nur eine Randnotiz“, sagte Wiedenhöfer. Die freien Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg beschäftigen 410 000 Menschen. „Damit haben wir mehr Mitarbeitende als die Automobilindustrie. Wir haben über
10 000 Einrichtungen und versorgen jedes Jahr zirka 1,5 Millionen Menschen. Das heißt: Wenn wir unsere Infrastruktur nachhaltig und klimaneutral aufstellen, dann haben wir ziemlich viel geschafft und das Leben von sehr vielen Menschen verbessert.“ Das Problem sei nicht das fehlende Geld. „Es gibt ja jetzt dieses Sondervermögen.“ Davon seien über das Land Baden-Württemberg 50 Millionen Euro für Investitionen in klimafreundliche Infrastruktur vorgesehen. Doch das reiche bei Weitem nicht aus, hier müsse der Bund nochmal nachsteuern.

„Was wäre eine globale Verantwortung auf Augenhöhe?“, wollte Moderator Fellmeth weiter wissen. „Es braucht eine Mischung“, begann Caroline Hüglin, Referentin Wasserstoff und Gasausstieg bei der Klima-Allianz Deutschland. „Zum einen ein Bewusstsein für die Verantwortung, die wir alle tragen – etwa durch unseren Konsum von importierter Energie oder Produkten wie Kleidung.“ Diese Preise seien oft zu günstig und blendeten aus, welche ökologischen Schäden und Menschenrechtsverletzungen entlang der Lieferketten entstehen. „Vor allem braucht es aber klare politische Rahmenbedingungen und unternehmerische Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungsketten“, so Hüglin.

Ricarda Lang brachte unser Verhältnis „zu den drei Großen – also USA, China und Russland“ zur Sprache. Sie zeigte Verständnis für das Streben nach eigener Sicherheitsfähigkeit angesichts ihres Gebarens. Globale Gerechtigkeit, Entwicklungszusammenarbeit und fairer Handel dürften aber dennoch nicht hinten runterfallen. „Wir brauchen verlässliche Beziehungen zu Mittelmächten, insbesondere im globalen Süden. Diese Beziehungen scheitern genau dort, wo wir selbst unglaubwürdig werden.“ Sie habe es etwa auf Klimakonferenzen erlebt: Dort wiesen die Länder des globalen Südens darauf hin, dass sie zwar häufig Empfehlungen bekämen, wie sie sich zu verhalten hätten. Auf der anderen Seite seien aber aus Zusagen der Klimafinanzierung noch kaum Gelder geflossen. Indes investiere China extrem viel. „Und zwar nicht aus Altruismus.“ Und nicht nur im globalen Süden. In Europa befänden sich bereits zahlreiche große Häfen in chinesischer Hand. Das seien ebenfalls Fragen der Sicherheit und Souveränität.

„Im Moment siegt der Stärkere“

Ricarda Lang bedankte sich für die Einladung des Netzwerks Zukunftsfähiges Wirtschaften (ZuWi) in Kooperation mit der Klima-Allianz Deutschland. „Solche Veranstaltungen waren selten wichtiger als in diesem Jahr. Wir sehen, wie verwundbar wir sind, wie wichtig Resilienz ist.“

Peter Lohnert aus Öhringen, engagiert im Thema Kreislaufwirtschaft, nannte seinen Beweggrund zur Teilnahme an der Veranstaltung: „Ich will mich vernetzen, weil da draußen im Moment der Stärkere siegt und nicht der mit den besseren Argumenten.“

Das Netzwerk ZuWi wird organisiert und getragen vom Impact Hub Karlsruhe und vom Gemeinwohl-Ökonomie Baden-Württemberg e.V. Ulrich Fellmeth ist Sprecher des Netzwerks ZuWi. Paula Belzer, Geschäftsführerin des Impact Hub Karlsruhe, hatte eingangs die Teilnehmer*innen begrüßt und auf den Hub-eigenen Leitspruch als Impuls verwiesen: „Wir fragen uns: Was, wenn die Zukunft richtig gut wird?“

Das Netzwerk ZuWi verbindet seit 2023 engagierte Akteur*innen aus Baden-Württemberg für eine sozial-ökologische Transformation der Wirtschaft.