12 Points goes to Bremen…

Eurovision bei der Gemeinwohl-Ökonomie? Das haben wir erstmalig am 10.09.2026 erlebt. Über 400 Teilnehmende kamen vor Ort und virtuell zusammen, um dem „Main-Act“ Antje von Dewitz (VAUDE) zu lauschen.
Bremen war Gastgeber mit dem Moderator und Ideengeber Michael Pelzl. Zugeschaltet waren 18 weitere Regionalgruppen vom hohen Norden bis nach Österreich, die jeweils vor Ort ihre Gäste empfangen haben. Gefolgt sind sie der Einladung, nicht nur wegen des einzigartigen Formats, sondern auch um Mut und Inspiration für die herausfordernden Zeiten zu finden. Denn Antje von Dewitz hat uns berichtet, wie sie in turbulenten Zeiten weiter nachhaltig wirtschaftet. Einen reichen Schatz an Impulsen brachte sie uns und den Gästen mit. So ist unser Bericht lang geworden. Mit den vielen Take-aways jedoch ein absoluter Must-read.
Vielen Dank allen Beteiligten für einen unvergesslichen Abend und für die Idee, dieses einzigartigen Formats.
Diese Frage begegnet uns inzwischen regelmäßig als Schlagzeile in den Medien. Für Antje von Dewitz, Geschäftsführerin von VAUDE, ist allein die Fragestellung bezeichnend für die Zeit, in der wir leben. Denn wir leben nicht in einem luftleeren Raum, in dem Unternehmen frei entscheiden können, ob sie Verantwortung übernehmen möchten oder nicht. Die planetaren Grenzen sind bereits massiv überschritten. Nachhaltigkeit ist damit keine freiwillige Zusatzaufgabe mehr, sondern eine Notwendigkeit.
Gleichzeitig stehen Unternehmen bei nahezu jeder nachhaltigen Entscheidung vor Zielkonflikten: Produzenten sind nicht immer bereit, Veränderungen mitzutragen, Kundinnen und Kunden nicht immer bereit, mehr für nachhaltigere Produkte zu bezahlen, und auch wirtschaftliche Risiken müssen berücksichtigt werden. Wie schwierig solche Veränderungsprozesse sein können, zeigt das Beispiel PFAS. VAUDE hat inzwischen vollständig auf PFAS in seiner Bekleidung verzichtet – obwohl diese Stoffe lange Zeit eine wichtige Funktion für wasserabweisende Eigenschaften von Outdoorbekleidung erfüllt haben.

Der Weg dorthin dauerte 15 Jahre. Gemeinsam mit Chemiekonzernen und Produzenten saß VAUDE regelmäßig am runden Tisch. Es wurden verschiedene Optionen getestet, wieder verworfen und neue Lösungen entwickelt. Immer wieder gingen die Beteiligten mit neuen Aufgaben auseinander, kamen erneut zusammen und arbeiteten weiter – so lange, bis eine Lösung gefunden war.
Dieses Beispiel zeigt eindrücklich: Nachhaltige Veränderung entsteht nicht allein. Gemeinschaftliche und branchenübergreifende Teams sind ein Schlüssel zum Erfolg. Sie ermöglichen es, die Grenzen des bisher Machbaren zu verschieben. Die Empfehlung von Antje von Dewitz ist deshalb klar: Partner finden und die Wege gemeinsam gehen. Ihr prägnanter Satz bringt diese Haltung auf den Punkt:
„Nachhaltigkeit ist Teamsport.“
Auf ihre Mitarbeitenden, so war während des Vortrags deutlich zu spüren, ist Antje von Dewitz besonders stolz.
VAUDE befindet sich an einem ländlichen Standort mit vergleichsweise schlechter Verkehrsanbindung. Gleichzeitig liegt das Unternehmen in einer Region, in der – unter anderem aufgrund der Nähe zur Schweiz – deutlich höhere Gehälter gezahlt werden können. Trotz dieser Ausgangslage hatte VAUDE nach Aussage von Antje von Dewitz nie größere Probleme, Mitarbeitende zu finden und langfristig zu binden. Bei den Veränderungen, die VAUDE ihren Mitarbeitenden immer wieder zumutet, ist das nicht selbstverständlich. Denn manche der notwendigen und essentiellen Zielkonflikte waren auch für VAUDE wirtschaftlich besonders risikoreich. Umso wichtiger ist eine Unternehmenskultur, die Veränderungen ermöglicht und Vertrauen schafft.
Nur in einer Vertrauenskultur kann es gelingen, Herausforderungen nicht als unüberwindbare Probleme zu betrachten, sondern daraus Lösungen und Innovationen zu entwickeln.
Auch hier zeigt sich, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine Frage von Produkten, Materialien oder Prozessen ist. Sie ist vor allem eine Frage der Zusammenarbeit und der Kultur innerhalb eines Unternehmens. Die Gemeinwohl-Bilanz war ein wichtiger Faktor, der dazu beigetragen hat. Nach der Erstellung der Bilanz war ein sehr großes Commitment zum Thema Nachhaltigkeit zu spüren.
Eine weitere Herausforderung ist die Kommunikation mit den Endkundinnen und Endkunden. Mehr als 40 Prozent der Kundinnen und Kunden möchten nachhaltig konsumieren. Nachhaltigkeit ist jedoch nur eines von vielen Kriterien, die bei einer Kaufentscheidung eine Rolle spielen. Wenn andere Kriterien – etwa Preis, Funktionalität, Design oder Verfügbarkeit – nicht erfüllt sind, entscheiden sich Kundinnen und Kunden letztlich häufig doch für ein anderes Produkt.
Dadurch entsteht eine große Lücke zwischen Wollen und Tun.
VAUDE versucht, diese Lücke gemeinsam mit seinen Händlerinnen und Händlern zu schließen. Sie werden aktiv mit ins Boot geholt und erhalten das Wissen, um Kundinnen und Kunden vermitteln zu können, was Nachhaltigkeit bei den Produkten konkret bedeutet, wo die jeweiligen Herausforderungen und Probleme liegen und welche Lösungen VAUDE dafür entwickelt hat.
Doch VAUDE ruht sich auf den bisherigen Erfolgen nicht aus, zeigt die Selbstkritik von Antje von Dewitz. In der Vergangenheit habe man mit Erklärungen überzeugen können. Heute reicht das offenbar nicht mehr. Es muss stärker gelingen, Gefühle anzusprechen und über das Herz zu kommunizieren. Nachhaltigkeit muss nicht nur erklärt, sondern emotional erfahrbar gemacht werden.
Der ultimative Konflikt bei vielen Entscheidungen rund um Nachhaltigkeit liegt jedoch in unserem aktuellen Wirtschaftssystem, das auf Wachstum ausgerichtet ist. Andererseits, so die Überlegung, sollen ausgerechnet nachhaltige Unternehmen nicht wachsen? Und währenddessen wachsen rein profitorientierte Unternehmen weiter – teilweise auf Kosten von Mensch und Umwelt. Daher braucht es hier andere Lösungen.
VAUDE zeigt, dass finanzielles Wachstum nicht zwangsläufig mit einem höheren Ressourcenverbrauch einhergehen muss. Seit 2019 haben Sie ihren Umsatzwachstum um 19% steigern und ihre Treibhausgase um 51% reduzieren können. Auch hier setzt das Unternehmen auf Kooperation statt Konkurrenz – eine Grundhaltung in der Gemeinwohl-Ökonomie. Gemeinsam mit anderen Unternehmen haben sie eine Allianz gegründet und gingen auf Zulieferer zu, um auch die Emissionen in der Zulieferkette zu reduzieren.
Beim Thema Materialien hat sich VAUDE ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Alle Materialien sollen langfristig recyclingfähig werden. Der Weg dorthin ist noch lang. Gleichzeitig fällt es leicht, sich vorzustellen, dass gerade Antje von Dewitz und ihr Team ein solches Ziel konsequent verfolgen und letztlich erreichen können.
Ein großer Vorteil einer Gemeinwohl-Bilanzierung liegt in der kritischen Innenschau. Es wird tief in die eigenen Problemfelder geschaut: Welchen Schaden verursacht die eigene Branche? Welchen Impact hat das eigene Unternehmen? Wo liegen die blinden Flecken? Genau dieser Blick auf die Probleme ist die Voraussetzung dafür, Wege aus ihnen heraus zu finden.
Die Fragen und Instrumente der GWÖ bieten dafür einen strukturierten Rahmen. Dabei geht es nicht nur um die negativen Auswirkungen eines Unternehmens. Auch der positive Impact kann sichtbar und messbar gemacht werden.
Gerade diese Messung des positiven Impacts bietet einen guten Maßstab, um das eigene Unternehmen stärker in diese Richtung weiterzuentwickeln.
Doch wie nun in diesen Zeiten handlungsfähig bleiben? Die Herausforderungen, mit denen Unternehmer*innen gerade konfrontiert sind, sind dabei nicht grundsätzlich neu, sagt Antje von Dewitz, sie spitzen sich jedoch zu. Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen finden derzeit keine guten politischen Rahmenbedingungen vor. Hinzu kommen regulatorische Unsicherheit und ein enormer Dokumentationsaufwand. Gleichzeitig verändert sich auch die gesellschaftliche Debatte. Nachhaltigkeit wird zunehmend als Ideologie dargestellt. Dadurch hat sich auch die kommunikative Ausgangslage verändert. Was lange Zeit selbstverständlich schien, ist heute längst nicht mehr selbstverständlich.
Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen müssen deshalb standhaft bleiben und ihren Weg weitergehen. Aber wie gelingt das?
Antje von Dewitz findet dafür ein sehr anschauliches Bild:
„Wir haben unseren Leuchtturm. Auf den laufen wir weiterhin zu.“
Auch bei stürmischer See bleibt das Ziel bestehen. Allerdings müssen die Schritte kleiner werden. Manchmal muss man einen Schritt zur Seite machen, manchmal eine andere Route wählen. Es geht darum, zu priorisieren und realistisch einzuschätzen, welche Lösungen umgesetzt werden können und bei welchen die Zeit vielleicht noch nicht gekommen ist, sie auf den Markt zu bringen. Unternehmen müssen sich deshalb gerade jetzt fokussieren. Gegebenenfalls bedeutet das auch, weniger zu machen. Entscheidend ist, dabei das große Ziel – den eigenen Leuchtturm – nicht aus den Augen zu verlieren.
Aus dem Publikum kam die Frage nach dem Spagat zwischen wirtschaftlichen und nachhaltigen Entscheidungen. Antje von Dewitz betonte erneut, wie absurd sie die Vorstellung findet, dass Unternehmen sich ihre Verantwortung „nicht leisten können“. Gleichzeitig zeigte sie, dass es manchmal pragmatische Lösungen gibt. VAUDE spart bei der Preiskalkulation Kosten für Marketing und – als inhabergeführtes Familienunternehmen – bei den teuren Shareholder-Strukturen.
Was aus dem Vortrag von Antje von Dewitz besonders hängen bleibt, ist weniger eine einzelne Maßnahme als vielmehr eine Haltung. Nachhaltigkeit bedeutet, trotz Zielkonflikten weiterzumachen. Es bedeutet, Grenzen des bisher Machbaren zu verschieben, gemeinsam mit anderen nach Lösungen zu suchen und auch dann am eigenen Ziel festzuhalten, wenn die Rahmenbedingungen schwieriger werden.
Es bedeutet aber auch, flexibel zu bleiben, Prioritäten zu setzen und zu akzeptieren, dass nicht jede Lösung sofort umgesetzt werden kann.
Weiter machen. Ziele im Blick behalten. Gemeinsam handeln.
Oder, um im Bild von Antje von Dewitz zu bleiben:
Den Leuchtturm nicht aus den Augen verlieren – auch wenn der Weg dorthin durch stürmische Zeiten führt.

Eine Aufzeichnung steht für GWÖ-Mitglieder zur Verfügung:
https://wiki.econgood.org/spaces/DE/pages/768741221/VAUDE+2026
Text: Franziska Mensching
Fotos: Jan Uwe Lammert