Umwelt- u. Wachstumspolitik i.S. des Gemeinwohls
Am 16.4.2026 gab die AG Politik Deutschland die erste Gesprächsrunde zu Wirtschaftpolitik i.S. des Gemeinwohls. Zwei Volkswirt*innen in der AG haben Lösungen der Gemeinwohl-Ökonomie den Kernbereichen der Wirtschaftspolitik zugeordnet und sie makroökonomisch erklärt. Die Ergebnisse sind erste Arbeitspapiere der AG Politik und noch keine Positionspapiere der GWÖ. Ziel dabei ist, innerhalb der GWÖ eine Diskussion für eine bessere Wirtschaftsordnung anzuregen. Perspektivisch sind wirtschaftspolitische GWÖ-Positionen erstrebenswert. Die wären für die Kontaktaufnahme mit politischen Parteien hilfreich.
Umweltpolitik und Wachstumspolitik – Das klingt widersprüchlich. Aber Umweltschutz lässt sich nur mit Wachstum realisieren. Was wachsen soll – darüber gilt es zu streiten. Mehr Konsum der aktuellen Produktpalette kann es nicht sein. Dieses Wirtschaftswachstum zerstört unsere Lebensgrundlage. Es müssen neue Ziele sein, damit wir eine Kreislaufwirtschaft erreichen. Deswegen wäre Entwicklungspolitik der bessere Ausdruck. Wir wollen die Diskussion über Wachstum und Schrumpfung in der Wirtschaft anregen und dabei unsere Argumente überdenken.
Wachstum und Wohlstand?
Bei den Begriffen Wachstum und Wohlstand sehen Umweltbewusste meistens Rot. Marktwirtschaft und Vollbeschäftigung sind für viele Engagierte echte Reizwörter. Deswegen wurden die ökonomischen Begriffe i.S. des Gemeinwohls kurz erklärt, Glossar dazu siehe hier. So war es nicht erstaunlich, dass bei der Diskussion zu Wachstumspolitik im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie die Meinungen auseinander gingen. Es wurde argumentiert, jedes Wachstum schadet dem Planeten. Die Postwachstums-Ökonomie nach Niko Paech hätte erkannt, dass jedes grüne Wachstum letztendlich über Rebound-Effekte die Umweltbelastung verstärkt und das wachsender Wohlstand immer zu weiterer Plünderung führe. Doch die Forderung nach Entwicklung und Wachstum im Sinne des Gemeinwohls widerspricht kaum der Postwachstums-Ökonomie. Auch Wachstum i.S. das Gemeinwohl bedarf Schrumpfung von Konsum und von gemeinwohlschädlicher Industrie. Natürlich wirkt man überzeugender und leicht verständlich, wenn man für weniger Wirtschaft plädiert, gar nicht erst von Zinsen, Wechselkursen, Inflation, Löhnen, Renten, Arbeitslosigkeit spricht, die internationalen Verflechtungen rauslässt und nicht auf die makroökonomischen Zusammenhänge eingeht. Doch die GWÖ will auch mit Wirtschaftspolitiker*innen in den Austausch kommen und muss deswegen auch diese Zusammenhänge erklären können, denken wir.
Zur Teilnahme an der Diskussion war die Lektüre der 6 Seiten Umweltpolitik und Wachstumspolitik auf unserer Seite Wirtschaftspolitik hier empfohlen. Dort beschreiben wir die wichtigsten gesamtwirtschaftlichen Voraussetzungen, um Klimaschutz möglich zu machen, nicht die einzelnen Forderungen der sozial- ökologischen Transformation.
Die Wirtschaft muss sich entwickeln, damit Umwelt- und Klimaschutz eine politische Mehrheit bei der Wähler*innen erhält und damit er bezahlbar und realisierbar ist. Das ist natürlich eine provokante These. Es klingt paradox, aber wenn die Wirtschaft konsequent das Ziel des Gemeinwohls verfolgt statt dem Ziel der Kapitalanhäufung, ist es zu verstehen. Dafür braucht es natürlich enorme Reformen in allen Kernbereichen der europäischen und internationalen Wirtschaftspolitik, wie wir sie in unseren 14 Arbeitspapieren zu diesen Bereichen versuchen zu erklären, hier zu finden. All diese Schrauben müssen konsequent auf Gemeinwohlmaximierung neu justiert werden: Handel, Geldpolitik, Kapitalregulierung, Löhne, Staatsausgaben, Steuern, Währungen, Renten, Sozialausgaben. Dabei beschreiben wir auch die Grundmechanismen von Zinsen, Währungen, Löhnen, Inflation und Wachstum im Sinne des Gemeinwohls.
Und wenn tatsächlich eine gemeinwohlorientierte Wirtschaftspolitik konsequent verfolgt wird, muss sich auch das Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) nicht mit dem Wachstum des Gemeinwohls ausschließen. Noch so eine provokante Behauptung. Auch das BIP hat an Attraktivität verloren, weil es kein Wohlstandsmaß ist und weil es wachsen kann bei sterbender Natur. Richtig. Es war auch nicht als Wohlstandsmaß entwickelt worden, sondern als Leistungsmaß – damals, um auszurechnen, wie die USA Deutschland von dem Naziregime befreien kann. Es ist auch ein Indikator für Arbeitslosigkeit. Und um letzteres geht es auch in dem Arbeitspapier. Bei wachsender Arbeitslosigkeit lässt sich in der Politik kaum über Klimaschutz sprechen.
Seit 4 Jahren befindet sich Deutschland in der Rezession, das Bruttoinlandsprodukt sinkt, täglich machen Unternehmen Konkurs, die offenen Stellen nehmen ab, die Arbeitslosenzahl steigt. Die Reallöhne sinken, die Renten sinken, die Gesundheitsversorgung nimmt ab. Gleichzeitig steigt die Umweltbelastung und das Klima heizt sich auf.
Deshalb gelingt Klimapolitik nur, wenn parallel eine Wirtschaftspolitik die Anpassungsfolgen abfedert. Je erfolgreicher makroökonomische Maßnahmen sind, desto mehr können die Menschen Veränderungen akzeptieren.
Wie kann sich eine Wirtschaft entwickeln, die allen dient und niemandem schadet – so dass sie die Grundbedürfnisse aller Menschen dieser Welt erfüllt und die planetaren Grenzen nicht überschritten werden? Um diese Frage beantworten zu können, ist es absolut notwendig zu verstehen, wie die Wirtschaft überhaupt am Laufen gehalten wird und es nicht zur Rezession kommt.
Wenn das verstanden ist, kann man den Kompass auch verstellen: Weg vom Konsumwachstum hin zum Gemeinwohlwachstum.
Um komplett fossilifrei zu werden, braucht es einen enormen Einsatz von Geld und Arbeit. Der Strukturwandel muss geleistet werden und bezahlt werden. Erst einmal kommt es zu Anpassungen, bei denen viele ihre Arbeit und ihre Firmen verlieren. Damit die Menschen direkt wieder neue Arbeit finden können, muss die Wirtschaft brummen. Aber wie, ohne neuen Schaden an der Natur zu nehmen?
Genau das kann die Marktwirtschaft leisten, wenn sie konsequent auf das Ziel Umweltschutz justiert ist und dementsprechend reguliert ist. Die Umweltpolitik wirkt auf einzelne Märkte und so können auch immaterielle Ziele wie saubere Luft und Wasser mit Hilfe einzelner Märkte erreicht werden. Dafür bedarf es allerdings die richtigen wirtschaftspolitischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen.
